Hier ein spannender Text über die moderne Esoterik und Spiritualität als Vermeidungsstrategie

http://www.sein.de/geist/persoenliches-wachstum/2014/resilienz–medizin-gegen-eine-spirituell-begruendete-konfliktunfaehigkeit.html

ein paar Auszüge:

Führt die moderne Spiritualität zu einer Unfähigkeit, mit Konflikten und unliebsamen Erfahrungen umzugehen?

Der mit Lebenshilferatgebern der letzten zehn Jahre befüllte westliche „Esoteriker“ (man verzeihe mir diesen undifferenzierten Ausdruck der Einfachkeit halber) wünschte sich vor allem dies: Kontrollierbarkeit aller Lebensumstände, Wohlgefühl, Wohlstand, Gesundheit, Erfolg, ständige Selbstbespiegelung und eine rigorose Bedürfnisbefriedigung, im Rahmen eines unverhohlenen Werte-Relativismus. Alle Theorien rund um Resonanz und Manifestation und deren Ableger erzählen davon. Sie erzählen von einem hungrigen „Ego“, das die schmerzliche Erfahrung meidet oder ausmerzt, und die befriedigende Erfahrung um nahezu jeden Preis erzeugen will.

***

Menschen, die zu lange auf dieser Welle mitgeschwommen sind, die alles für eigene Manifestation halten – ergo: glückliche Erfahrungen für die Folge richtigen Denkens, und schmerzliche Erfahrungen für den Ausdruck falschen oder unheilen Denkens – Menschen, die sich ihre eigene geschlossene Betrachtungsweise auf die Dinge erschaffen haben, zeigen alle Symptome eines resilienzunfähigen Menschen: Sie können von ihrer inneren Ordnung, ihrem Wohlgefühl, ihrer Kontrollfantasie, ihrer fragilen inneren Sicherheit nicht ablassen und empfinden jede Wirklichkeit die daran kratzt, als Invasion und Erschütterung.

***

Wer sich aber gegen Kritik immunisiert, offenbart nichts weiter als eine Unfähigkeit, Widersprüche, Veränderungen, realen Austausch auszuhalten und auszuagieren, und Entwicklung zuzulassen. Dahinter steht die Unfähigkeit, Fehler zu machen und zu korrigieren, Scheitern zu erleben und wieder aufzustehen, Situationen zu erfahren denen keine eindeutige Lösung folgt.

***

Resilienz ist in diesem Kontext als Schlachtruf zu verstehen, der ein anderes Wirklichkeitsverständnis einläuten will. Denn die „psychische Widerstandsfähigkeit“ will das Gleichgewicht des Systems nicht erhalten, indem sie Einwirkungen ablehnt, meidet oder mit spiritueller Schönfärberei umetikettiert. Sie will unter Rückgriff auf Erfahrungen und Werte konflikthafte Situationen nicht nur meistern, sondern auch als Wasser auf den Mühlen innerer Weiterentwicklung nutzen. Resilienz ist eine Grundaufmerksamkeit, die mit Lernbereitschaft, mit Anpassungsfähigkeit, mit kluger Lösungsfindung einhergeht. Der resiliente Mensch steht in gesundem Austausch mit der Wirklichkeit, sowohl mit der schmerzlichen als auch mit der als angenehm empfundenen. Als Mensch, der an Erlebtem und Gestaltetem wachsen und reifen will, trägt der resiliente Charakter auch zur Reifung des Verbundes bei.

Der resiliente Mensch hat erfahren und verstanden, dass Leben und inneres Wachstum sich auch und gerade in Situationen, Konstellationen und inneren Prozessen entfalten, die Spannungen, Zweifel, Schmerz und drängende Fragen enthalten. Und sein Fokus liegt nicht auf nimmersatter Bedürfnisbefriedigung oder konfliktlosem Glück, sondern auf der Entfaltung des Charakters, und innerer Stärken und Gaben, die weit über den Nutzen für das Individuum hinausweisen.

Advertisements