„Wir müssen lernen, mit der Seele zuzuhören. Wir müssen verstehen, die intimsten Dinge mit der Seele zu erfassen. Um das zu lernen, lasse in Gesprächen mit anderen Menschen Deine subjektive Meinung absinken. Zunächst die Worte, die Du Deinem Gegenüber erwidern willst. Lassen sie nicht aus Deinem Mund purzeln, sondern ins Innere herabsinken. Lege sie auf dem inneren Kompost ab. Im Lauf der Zeit, lasse auch den Impuls los und das Gefühl sinken, dem anderen Deine Meinung und Deine Ansicht sagen zu müssen – ob sie konträr, oder zustimmend sei. Nach einer Weile fühlst Du, als würde die Seele Deines Gegenübers Dich selbst durchwärmen und durchleuchten, wenn Du mit einer absoluten Toleranz dem Anderen begegnest. Da heben wir dann jede Isolation auf – ohne den Verlust von Autonomie. Denn es bin ja „ich“, der diesen Willen aufbringt, die Freiheit walten zu lassen. Das macht uns ja erst autonom, dass wir Freiheit leben können. Schau also, dass Du den anderen Menschen nicht nur als Person ein bisschen gewähren lässt, sondern lerne die absolute Freiheit schätzen. Und erkenne nun, aus einer umfassenderen Position, dass derjenige, der dem andern ins Wort fällt, etwas Ähnliches tut, wie der, welcher dem andern physisch einen Fußtritt gibt. So begreifen wir allmählich, dass es eine viel stärkere Beeinflussung sein kann, einem andern ins Wort zu fallen, als ihm einen Fußtritt zu geben. Wenn wir zunächst die Worte und dann den Impuls absinken lassen, andere zu unterbrechen oder ihnen unsere Geschichte, unsere Meinung und unsere Erfahrung erzählen zu müssen, dann beginnen wir damit, die wahre Bruderschaft und wahre Schwesternschaft bis in die Seele hinein zu verstehen. Dann wird diese Seelenverwandtschaft nicht nur ein Glaube, ein Gedanke oder eine nebulöse Hoffnung sein – dann wird sie eine Tatsache, die wir erschaffen.“ (Frei nach Rudolf Steiner)

Sebastian Gronbach

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